Der Bau der Deutz-Giessener Eisenbahn

Die Siegtal-Bahn von Köln (Deutz) nach Siegen

Bahnstrecke von Deutz nach Betzdorf und von dort nach Siegen und Giessen
Bahnstrecke von Deutz nach Betzdorf und von dort nach Siegen und Giessen

Der Bau einer Eisenbahn entlang der Flüsse Sieg, Heller und Dill von Köln über Betzdorf und Dillenburg nach Giessen wurde schließlich beschlossen. Der preußische Staat hatte aus mehreren Gründen großes Interesse an dieser Verbindung, wobei das Siegerland zunächst eine untergeordnete Rolle spielte und im Wortsinne links liegengelassen wurde:

  • Militärische Aspekte sprechen für den Bau dieser Eisenbahnlinie: Die Sicherheit der Verteidigung des Landes wird in unserer Bahn vollständig gewahrt und berücksichtigt erscheinen. Die Bahn läge, den Feind in Frankreich gedacht, noch mehr gegen seine Angriffe geschützt (…). Auch die Wichtigkeit der Eisengewinnung ist in Bezug auf die Kriegsführung hervorzuheben.
  • Die geplante Strecke bietet die erste Verbindung von Nordwest-deutschland nach Süddeutschland, besteht doch in Giessen Anschluß an die Main-Weser-Bahn von Frankfurt nach Kassel.

Die Verwirklichung des Bahnprojektes erfuhr jedoch durch die politischen Ereignisse des Jahres 1848 und später durch die wenig konstruktive Haltung der Regierung des Herzogtums Nassau in Wiesbaden gegenüber der Sieg-Heller-Dill-Bahnlinie deutliche Verzögerungen. Diese Art der deutschen Kleinstaaterei hatte negativen Einfluss auf die Verwirklichung so manchen Eisenbahnprojektes. Aufzuhalten war das Projekt einer Sieg-Bahn indes nicht mehr. Im Jahre 1855 ordnete dann die Königliche Behörde die generellen Vorarbeiten für eine Bahn durch die Täler von Sieg, Heller, Dill und Lahn an. Die Konzession wurde am 26. Juli 1855 erteilt (Preußische Gesetzsammlung, Jahrgang 1855, Nummer 33). Gemäß einem am 10. Juni 1856 abgeschlossenen Staatsvertrag übernahm die private Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft (CME) den Bau der Strecke und die Betriebsrechte.

 

Zuvor wurde bereits am 03. Oktober 1855 der Grundstein für eine 400 Meter lange Eisenbahnbrücke von Deutz über den Rhein nach Köln durch König Friedrich Wilhelm IV höchstselbst gelegt. Diese Brücke lag in der Verlängerung der Achse des Kölner Doms und erhielt zwei Gleise und eine Strassenfahrbahn. Prinzregent Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I, eröffnete die Brücke genau vier Jahre nach Grundsteinlegung für den Verkehr. An der Stelle dieser Dombrücke, die im Volksmund Mausefalle genannt wurde, wurde 1909 die 4 gleisige Hohenzollernbrücke gebaut. Heute befindet sich hier mit der inzwischen auf sechs Gleise ausgebauten Hohenzollernbrücke die meistbefahrene Eisenbahnbrücke Deutschlands. Noch immer zieren die Brücke zwei Reiterstatuen von Friedrich Wilhelm IV und König Wilhelm I, die kurz nach Eröffnung der Dombrücke an deren Portalen links- bzw rechtsrheinisch aufgestellt worden waren. Jetzt stehen sie aber beide auf der Domseite links und rechts der Einfahrt zum Kölner Hauptbahnhof.

Dombrücke von 1861 mit dem Reiterstandbild des Kronprinzen Wilhelm I "op dr schäl Sick"
Dombrücke von 1861 mit dem Reiterstandbild des Kronprinzen Wilhelm I "op dr schäl Sick"
Dombrücke mit dem Reiterstandbild des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV auf der Kölner Seite
Dombrücke mit dem Reiterstandbild des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV auf der Kölner Seite
Dombrücke mit einer Lokomotive, ähnlich der Maschine "Brohl" der CME. Dieses Bild macht sehr deutlich, warum die Brücke im Volksmund Mausefalle (Muusfall) hieß.
Dombrücke mit einer Lokomotive, ähnlich der Maschine "Brohl" der CME. Dieses Bild macht sehr deutlich, warum die Brücke im Volksmund Mausefalle (Muusfall) hieß.
Hohenzollerbrücke (Dombrücke) von 1911, Kölner Seite
Hohenzollerbrücke (Dombrücke) von 1911, Kölner Seite

 

Im Jahr 1857 begannen die Bauarbeiten an der (Köln-) Deutz–Giessener–Eisenbahn auf einer Länge von 166 Kilometern. Die Strecke wurde in 22 Bau-Sektionen von jeweils etwa einer Meile = 7,5 Kilometern eingeteilt. Der Staatsvertrag mit der CME berücksichtigte schließlich auch die Vor-schläge und Wünsche der Siegerländer Wirtschaft mit der Verpflichtung für die CME, von Betzdorf aus zusätzlich eine 17,2 Kilometer lange Stichbahn nach Siegen zu bauen, die weiter flußaufwärts der Sieg folgt. Die gesamte Strecke Cöln - Giessen mitsamt der Stichbahn wurde abschnittsweise dem Betrieb wie folgt übergeben:

 

03.10.1859 Dombrücke von Cöln Centralpersonenbahnhof nach Deutz

                                                  ( 1,73 km) 

01.01.1858 Deutz – Hennef              (30,61 km)

15.10.1859 Hennef – Eitorf              (12,24 km)

01.08.1860 Eitorf – Wiesen              (28,24 km)

10.01.1861 Wiesen – Betzdorf          (11,70 km)    

                und Betzdorf – Siegen     (17,20 km) 

Von Deutz bis Betzdorf wurden 18 Stationen gebaut und zwischen Betzdorf und Siegen sieben Stationen, die beiden letztgenannten liegen im Siegerland:

  • Betzdorf 
  • Freusburg 
  • Brachbach
  • Mudersbach
  • Niederschelden
  • Eiserfeld
  • Siegen

Betzdorf erhielt 1862 eine Eisenbahn Reparatur Werkstätte zur Unterhal- tung der Lokomotiven und Waggons. Die Bahn-Anlagen in Betzdorf wurden nur wenig später umfangreich erweitert, der Rangierbahnhof nochmals im Jahre 1893. Damit wurde Betzdorf nicht nur geographisch sondern auch betriebstechnisch zum Mittelpunkt der neuen Bahn.

 

Gleisplan des Bahnhofs Betzorf 1864
Gleisplan des Bahnhofs Betzorf 1864
Lithographie aus dem Jahre 1898
Lithographie aus dem Jahre 1898
Bahnhof Betzdorf 1862
Bahnhof Betzdorf 1862
Werkstätte auf dem Bahnhof Betzdorf 1862
Werkstätte auf dem Bahnhof Betzdorf 1862
Bahnhof Kirchen an der Sieg
Bahnhof Kirchen an der Sieg
Bahnhof Niederschelden und Niederschelderhütte
Bahnhof Niederschelden und Niederschelderhütte
Bahnhof Eiserfeld
Bahnhof Eiserfeld
Bahnhof Eiserfeld, vom Niederscheldener Tunnel aus in Richtung Siegen aufgenommen
Bahnhof Eiserfeld, vom Niederscheldener Tunnel aus in Richtung Siegen aufgenommen

 

In (Köln-)Deutzerfeld, Eitorf, Betzdorf, Dillenburg und Giessen wurden Betriebswerkstätten und zugehörige Versorgungsanlagen, in Siegburg, Au, Neunkirchen, Burbach, Haiger und Ehringhausen wurden zusätzlich Wasserstationen für die Dampflokomotiven gebaut.

 

Zwischen Siegburg und Betzdorf errichtete man 24 Sieg-Brücken.  

Auf der Zweigbahn von Betzdorf nach Siegen finden sich folgende 15 Sieg-Brücken:

  • bei Betzdorf
  • am Schwelbel
  • bei Kirchen
  • bei der Freusburger Mühle
  • bei Freusburg
  • an der Zilsau
  • bei Eutebach
  • bei Büdenholz
  • in der Brachbacher Au
  • bei Mudersbach
  • bei Niederschelden
  • oberhalb Niederschelden
  • am Pochwerk
  • bei Eiserfeld
  • an der Walkmühle

 

Sieben Tunnel liegen im Abschnitt zwischen Siegburg und Betzdorf:

  • Tunnel bei Merten bei km 39,1             (235 m)
  • Tunnel bei Herchen bei km 50,5            (370 m)
  • Tunnel bei Hoppengarten bei km 53,7    (130 m)
  • Tunnel bei Mauel bei km 59,1               (237 m)
  • Schönsteiner Tunnel bei km 73,0          (344 m)
  • Staader Tunnel bei km 76,8                 (232 m)
  • Tunnel bei Mühleburg bei km 79,3           (32 m)

Vier Tunnel erhielt die Stichstrecke von Betzdorf nach Siegen:

  • Freusburger Tunnel bei km 119,2           (127 m)
  • Büdenholzer Tunnel bei km 117,0           (232 m)
  • Brachbacher Tunnel bei km 115,7           (231 m)
  • Niederscheldener Tunnel bei km 110,9     (350 m)

Der zweitlängste Tunnel der gesamten Bahn liegt auf Siegerländer Gebiet zwischen Eiserfeld und Niederschelden. Seinerzeit wurde vom Durchstich dieses Tunnels wie folgt berichtet:

Ein Fest, dessen Seltenheit und Aussergewöhnlichkeit zahllose Theilnehmer herbeigelockt hat, fand am Sonntag, den 24. October 1858, bei Eiserfeld statt. Der größte Tunnel der Deutz – Giessener – Eisenbahn war im Laufe der vorigen Woche durchschlägig geworden und so der erste Hauptschritt für die Vollendung unserer Bahn geschehen.(…) Der Herr Landrath brachte einen Toast auf Seine Majestät, unsern allverehrten König, aus, dessen hochherzigem und für alles Edle begeistertem Sinne ganz Preußen, so auch das Siegerland, so Vieles und Großes verdanke und dessen auf die Wohlfahrt seiner Nation bedachte Friedenspolitik neben so vielen großartigen Unternehmungen auch dies Bauwerk ermöglicht und gefördert habe. Mit Wehmut gemischt, wegen des Gedankens an die Abwesenheit aus seinem Lande, erscholl der Dank dafür aus dem „Friedrich-Wilhelm-Tunnel!“ und pflanzte sich weithin durch die auf dem Bahndamme und den Böschungen versammelte Menge fort.“ Der Tunnel trägt jedoch nicht den Namen des Königs, sondern heißt schlicht „Niederscheldener Tunnel“.

 

Die Kosten für die Hauptstrecke Deutz – Giessen und die Stichbahn Betzdorf – Siegen wurden von der CME mit 20 Millionen Taler veranschlagt. Die Mittel wurden durch die Ausgabe von Obligationen realisiert, deren Verzinsung 4% betrug, für die der preußischen Staat garantierte.     (Zeichnungen durch? Hauptbahn, daher Grunderwerb durch die Bahngesellschaft oder Kommunen?)   Die tatsächlichen Baukosten bezifferten sich dann 1862 auf 15,5 Millionen Taler. Betriebsmittel, Zinsen etc. machten weitere 8 Millionen Taler aus, so dass sich die Gesamtsumme schließlich auf 23,5 Millionen Taler belief.

 

Am 28. Dezember 1860 fuhr die erste Lokomotive probeweise in den Siegener Bahnhof ein. Zur feierlichen Eröffnung der Bahn von Wiesen (Wissen) über Betzdorf nach Siegen sollte eigentlich am 2. Januar 1861 der Premierenzug fahren und in Siegen ein offizieller Empfang für die Honoratioren stattfinden. An diesem Tage verstarb jedoch der preußische König Friedrich Wilhelm IV. und der Termin mußte wegen der verordneten Landestrauer abgesagt werden. Das „Fest-Comite“ ließ über das Intelligenz-Blatt verlauten: „Wir zeigen hierdurch an, daß die von Seiten der Stadt Siegen beabsichtigten Festlichkeiten bei Eröffnung der Cöln-Siegener Eisenbahn infolge des eingetretenen Heimgangs Sr. Majestät unseres Königs Friedrich Wilhelm IV. unterbleiben werden.“

König Friedich Wilhelm IV von Preussen im Jahre 1847
König Friedich Wilhelm IV von Preussen im Jahre 1847

Schließlich verkehrte der Eröffnungszug der neuen Bahnlinie am 10. Januar 1861. Die Strecke war zunächst eingleisig. Erst im Jahre 1889 kam bis auf wenige Teilstücke ein zweites Gleis hinzu. Zu Beginn fuhren zwischen Köln und Giessen ein Schnellzugpaar und vier Personenzug-paare. Das es auch damals schon Betriebstörungen gab, belegt eine Bekanntmachung der KME im Siegener Intelligenz-Blatt mit Datum vom 3. Februar 1862: „Bis auf Weiteres wird der um 4 Uhr Nachmittags von Deutz abgehende Schnellzug nur bis Betzdorf und Siegen gehen.“

 

Mit der neuen Eisenbahn konnte man nun in 2,5 Stunden von Siegen nach Köln am Rhein reisen. Die Postkutsche hatte für diese Strecke 15 Stunden benötigt.

Erster Fahrplan der Siegtal-Bahn vom 10. Januar 1861
Erster Fahrplan der Siegtal-Bahn vom 10. Januar 1861

Bildergalerie

Zuglaufschilder, Fahrpläne und Fahrkarten

Streckenabschnitt Betzdorf - Giessen

Die Hauptstrecke der Köln-Giessener Bahn im weiteren Verlaufe von Betzdorf nach Haiger berührte das südliche Siegerland im Verlaufe des Flüsschens Heller und zwar von Struthütten bis Niederdresselndorf. Ab Würgendorf ist in Richtung Haiger die 416 m hohe Wasserscheide zwischen Heller und Dill zu überwinden. Deshalb konnte die Bahn nicht den direkten Verlauf nehmen. Eine große Schleife durch das Weiherbachtal wurde notwendig, wodurch die Strecke im Bereich der Wasserscheide künstlich verlängert werden mußte.

 

Eröffnung:

01.07.1861  Betzdorf – Burbach (28,36 km)

12.01.1862 Burbach – Giessen (54,66 km)

 

Tunnel:

Alsdorfer Tunnel bei km 84,3       (131 m)

Herdorfer Tunnel bei km 88,6       (137 m)

 

Stationen:

Betzdorf

Herdorf                       (km   89,90)

Neunkirchen               (km   93,96)

Burbach                      (km 100,88)

Würgendorf                (km 105,85)

Niederdresselndorf     (km 111,33)

Haiger                         (km 118,83)

Dillenburg                   

Herborn

Sinn

Ehringshausen

Wetzlar

Giessen

 

 

Per Gesetz vom 20.12.1879 wurde die gesamte Bahn verstaatlicht und ging am 01.02.1880 an die Preußischen Staatseisenbahnen über.

1859: Das ursprüngliche Empfangsgebäude für den Bahnhof Neunkirchen (Kreis Siegen)
1859: Das ursprüngliche Empfangsgebäude für den Bahnhof Neunkirchen (Kreis Siegen)
2011: Vorplatz und Empfangsgebäude des Bahnhofs Neunkirchen (Kreis Siegen), zahlreiche Lastwagen und Schrott-Container veranlassen die Reisenden zum Hindernislauf
2011: Vorplatz und Empfangsgebäude des Bahnhofs Neunkirchen (Kreis Siegen), zahlreiche Lastwagen und Schrott-Container veranlassen die Reisenden zum Hindernislauf

 

Neueste Literatur:

Strack (2010) 150 Jahre Eisenbahn im Siegtal. Martina Galunder Verlag, Nümbrecht.

HINWEISE

 Fotos gesucht

Für diese Website werden noch historische Fotos und andere Materialien von der Eisenbahn im Siegerland und der Strassenbahn in Siegen gesucht !

Kontakt erbeten unter der Emailadresse: drrvogel@aol.com

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