Die Eisenbahnindustrie im Siegerland

Die Lokomotivfabrik Arnold Jung, Jungenthal 

Die Fabrikanlagen um 1905
Die Fabrikanlagen um 1905

Über hundert Jahre lang existierte eine Lokomotivfabrik vor den Toren des Siegerlandes. Sie entstand aus einer Kunstwollspinnerei in Jungenthal bei Kirchen an der Sieg, die Gustav Jung 1853 gegründet hatte. Sein Sohn Arnold Jung war später Mitinhaber dieses Betriebes, der in Blütezeiten etwa 600 Arbeiter beschäftigte. Im Alter von 26 Jahren gründete Arnold Jung zusammen mit Christian Staimer am 13. Februar 1885 anstelle des in wirtschaftlichen Nöten befindlichen Texilbetriebes ein Lokomotivwerk, welches zunächst als "Jung & Staimer OHG" firmierte. Das Werk hatte zu Beginn 25 Mitarbeiter. Bereits am 3. September 1885 wurde die erste Lokomotive für einen Bauunternehmer in Kiel ausgeliefert. In den ersten beiden Jahren mussten die fertiggestellten Lokomotiven noch mit Pferde-fuhrwerken zum Bahnhof in Kirchen transportiert werden. Mit der Eröff-nung der Bahnlinie Kirchen-Freudenberg im Jahre 1887 erhielt die Fabrik dann einen eigenen Gleisanschluß, der die Zulieferung von Material und die Auslieferungen neuer Fahrzeuge erheblich vereinfachte. 1891 wurde die 100. Lokomotive ausgeliefert, bis dahin ausschließlich Schmalspur-Dampflokomotiven. Jung fertigte dann für die Königlich-Preußische Eisenbahn-Verwaltung (KPEV) folgende Lokomotiven: 66 Stück T3 von 1998-1902, 15 Stück G5.1 von 1900-1901, 397 Stück G8.1 von 1913-1921, 129 Stück G8.2 von 1920-1924 und 330 Stück T9.3 von 1902-1913. Darüber hinaus wurden 23 Maschinen der badischen Bauart VIc zwischen 1917 und 1918 gefertigt. Die 1000. Lokomotive aus dem Werk an der Sieg war im Jahre 1907 eine vierfach gekuppelte, normalspurige Dampflok für die Freien Grunder Eisenbahn (FGE) im Siegerland. Loks aus der Lokomotivfabrik Arnold Jung gingen in alle Welt. So sei als Kuriosum vermerkt, dass die beiden einzigen Lokomotiven, die je auf Island fuhren, zweiachsige Jung-Dampflokomotiven für 900 mm Spurweite waren.

Jung Reklame von 1951 mit Lok der Baureihe 41
Jung Reklame von 1951 mit Lok der Baureihe 41

Nachdem der Firmengründer, Kommerzien-rat Arnold Jung, 1911 gestorben war, trug die Fabrik ab 1913 die Bezeichnung "Arnold Jung Lokomotivfabrik GmbH“ und wurde von Paul Hintze geleitet. Für die Deutsche Reichbahn Gesellschaft (DRG) entstanden hier Tenderlokomotiven der Baureihe 64 (99 Stück 1928-1940), der Baureihe 86 und der Baureihe 80 (5 Stück 1928). Die große Schlepptender-Lokomotive der Baureihe 41 baute Jung in 40 Exemplaren in den Jahren 39/40.

Danach wurden - eher zwangsweise - im 2. Weltkrieg Güterzug-Lokomotiven der Bau-reihen 50 (105 Stück 1941-1942) und 52 (242 Stück 1942-1946) produziert. Seine 10.000. Lokomotive feierte Jung 1942 mit Ablieferung der Reichsbahn Lokomotive 50 2363. Jung stieg in den Kriegsjahren auch in den Panzer-Bau ein. Nach dem Krieg lieferte Jung von 1952 an 51 Maschinen der neu-entwickelten Baureihe 23 für die Deutsche Bundesbahn. Darunter war auch die letzte Neubau-Dampflokomotive der DB, die 23 105, die am 2. Dezember 1959 mit der Fabriknummer 13113 die Werkshallen an der Sieg verließ.

Die Dampflokproduktion endet bei Jung endgültig 1970 mit einer Dampfspeicherlok. Neben Dampf-lokomotiven entstanden zahlreiche Dieselloks: so die Kleinlokomotiven Kö I bis Köf III und die Baureihe 333 sowie die Lokomotiven der Baureihen V60, V90 und V100 der DB. Die letzte DB-Lok war die Diesellok V90 050 im Jahre 1976. Insgesamt baute Jung knapp 13.000 Lokomotiven: ca. 1000 Grubenlokomotiven, ca. 650 elektrische Lokomotiven und ca. 4600 Dampflokomotiven und nahezu 6500 Diesellokomotiven. Der größte Teil der Maschinen wurde für an Privat-, Gruben- und Werksbahnen in aller Welt produziert. Die letzte Lok, bezeichnenderweise eine Grubenlok, wurde im Mai 1987 mit der Fabriknummer 14286 ausgeliefert. Das Fabriknummern-Verzeichnis weist große Lücken auf, so dass nicht jede Nummer eine komplette Lok bedeutet. Bei-spielsweise fabrizierte Jung in den Jahren 1959 bis 1961 Neubaukessel für die Schnellzug-Dampflokomotive der Baureihe 01 unter eigenen Fabriknummern (Tabelle 1).

 

Tabelle 1: Lieferung von 37 Neubaukessel für die Baureihe 01

Einbau am

Fabrik-Nr.

für Lok

17.02.1959

13011

01 183

27.04.1959

13012

01 149

20.07.1959

13013

01 104

07.07.1959

13014

01 200

01.06.1959

13015

01 115

25.08.1959

13016

01 220

05.08.1959

13017

01 178

09.09.1959

13018

01 194

30.09.1959

13019

01 232

05.11.1959

13020

01 130

06.05.1960

13021

01 231

12.05.1960

13022

01 181

02.06.1960

13023

01 124

24.06.1960

13024

01 180

09.08.1960

13025

01 164

28.07.1960

13026

01 172

     

28.08.1960

13071

01 133

30.08.1960

13072

01 193

06.09.1960

13073

01 206

22.09.1960

13074

01 230

13.10.1960

13075

01 113

25.10.1960

13076

01 177

07.11.1960

13077

01 190

04.01.1961

13078

01 227

18.01.1961

13079

01 132

07.02.1961

13080

01 187

15.09.1961

13081

01 146

23.05.1961

13082

01 210

01.10.1961

13083

01 148

05.07.1961

13084

01 125

15.08.1961

13085

01 169

27.09.1961

13086

01 166

17.10.1961

13087

01 196

23.11.1961

13088

01 103

01.11.1961

13089

01 182

07.12.1961

13090

01 228

21.12.1961

13091

01 199

15.12.1961

13092

01 197

Schnellzuglokomotive 01 103 Bw Hof mit Jung-Neubaukessel 1972 im Bw Dillenburg
Schnellzuglokomotive 01 103 Bw Hof mit Jung-Neubaukessel 1972 im Bw Dillenburg

Zuletzt stellte Jung Werkzeugmaschinen, Kräne, Drehbänke und militä-risches Gerät her, bis am 30. September 1991 das Werk geschlossen, das Inventar versteigert und die Hallen vermietet wurden. Dies geschah dem Vernehmen nach nicht aus wirtschaftlicher Notlage, sondern schlicht aus dem Grunde, daß sich der Eigentümer aus dem Geschäft zurückzog.

Bildergalerie von Jung-Lokomotiven

Jung war auch Lieferant für die Bahnen im nahen Siegerland. So gelang-ten zwei Dampfloks der Baureihe 23 direkt ab Werk zum wenige Kilo-meter entfernten Bahnbetriebswerk Siegen. Die Eisern-Siegener-Eisen-bahn (ESE), die Kleinbahn Weidenau-Deuz (KWD) und die Freien-gründer-Eisenbahn (FGE) bezogen Dampfloks zwischen 1907 und 1942 sowie Dieselloks von 1959 bis 1962 aus Jungenthal. Eine weitere neue Diesellok ging 1949 an die Firma Waldrich in Siegen, die 1967 gegen eine gebrauchte Jung-Lok ausgetauscht wurde. Auch andere Werks- und Grubenbahnen im Siegerland bezogen ihre Lokomotiven bei der Firma Arnold Jung, Jungenthal (Tabelle 2).

 

Tabelle 2: Einige Jung-Lieferungen ins Siegerland

 

Fahrzeug

Baujahr

Fabrik-Nr.

geliefert an 

       

Dampflok Dn2t

1907

1000

FGE Nr. 1

Dampflok Dn2t

1907

1001

FGE Nr. 2

Dampflok Dn2t

1908

1229

FGE Nr. 3

Dampflok Dn2t

1923

3425

ESE Nr. 11

Dampflok Dn2t

1923

3426

ESE Nr. 12

Dampflok Dn2t

1925

3709

ESE Nr. 13

Dampflok Dn2t

1925

3710

ESE Nr. 14

Dampflok Dn2t

1925

3711

ESE Nr. 15

Dampflok Dn2t

1928

4095

KWD Nr. 7

Dampflok Dn2t

1929

4760

KWD Nr. 8

Dampflok Dn2t

1935

5597

ESE Nr. 16

Dampflok Dn2t

1938

7548

KWD Nr. 9

Dampflok C1'h2t

1942

9247

KWD Nr. 10

       

Diesellok

1949

10689

Waldrich

Diesellok

1952

11569

Waldrich

       

Diesellok R42C

1959

13117

KWD Nr. 12

Diesellok R42C

1959

13118

FGE Nr. 4''

Diesellok R42C

1960

13119

KWD Nr. 11

Diesellok R42C

1961

13286

ESE Nr. 17

Diesellok R42C

1961

13288

ESE Nr. 18

Diesellok R42C

1961

13289

ESE Nr. 19

Diesellok R42C

1961

13408

KWD Nr. 13

Diesellok R42C

1962

13423

ESE Nr. 20

     

FGE Nr. 20

Diesellok R42C

1962

13425

KWD Nr. 14

 

Jung stellte eine R42C auf der Frühjahrsmesse 1965 in Leipzig aus (Aufnahme: Joachim Fulde, Potsdam)
Jung stellte eine R42C auf der Frühjahrsmesse 1965 in Leipzig aus (Aufnahme: Joachim Fulde, Potsdam)

Rückkehr einer Lok R42C nach Kirchen

Lok 12 der ehemaligen Kleinbahn Weidenau-Deuz, 1959 von Jung gebaut, ist als Denkmal in der Nähe der früheren Lokomotivfabrik in Kirchen aufgestellt wor-den. Die Lok hatte zuletzt Dienst bei der Firma Gontermann & Peipers in Kaan-Marienborn verrichtet und wurde nun dem Heimatverein Kirchen überlassen. Fotos vom Transport in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 2014 sehen Sie in der folgenden Galerie:

Siegener Eisenbahnbedarf AG (SEAG)

Carl-Eberhard Weiß, Maschinenschlosser aus dem Schwäbischen, gründete 1871 in Siegen die Firma "Carl Weiß", die Geräte für den Bergbau und Zubehör für die Eisenbahn fertigte. Das Geschäft wurde im Jahre 1906 ausgeweitet und ein weiteres Werk in Dreis-Tiefenbach ausschließlich für den Eisenbahn-Waggonbau eingerichtet. Ab 1908 firmierte dieses Werk als selbstständiger Betrieb unter dem Namen "Siegener Eisenbahnbedarf AG (SEAG)". Die Charlottenhütte in Niederschelden übernahm SEAG 1920 von der Eigentümer-Familie. Die Charlottenhütte wiederum ging 1926 in den Vereinigten Stahlwerken auf. Somit gehörte SEAG nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Rheinischen Stahlwerken. SEAG beschäftigte zeitweise mehr als 1200 Mitarbeiter.  

 

Tabelle 3: SEAG-Lieferungen an die Siegener Kreisbahn (SKB)

Fahrzeug

Baujahr

Fabrik-Nr.

E-Teil

Bezeichnung bei der SKB 

         

E-Lok, Bo

1908

184

SSW

E-Lok Nr. 1

E-Lok, Bo

1908

185

SSW

E-Lok Nr. 2

Strassenbahn TW

1910

 

AEG

TW 13

Strassenbahn TW

1910

 

AEG

TW 14

Strassenbahn TW

1910

 

AEG

TW 15

Strassenbahn TW

1910

 

AEG

TW 16

Strassenbahn TW

1910

 

AEG

TW 17

Strassenbahn TW

1910

 

AEG

TW 18

E-Lok, Bo' Bo'

1925

8551

SSW

E-Lok Nr. 3

Strassenbahn TW KSW

1948

19536

SSW

TW 33

Strassenbahn TW KSW

1948

19542

SSW

TW 34

Strassenbahn TW KSW

1948

19544

SSW

TW 35

Strassenbahn TW KSW

1948

19535

SSW

TW 36

Strassenbahn TW KSW

1948

19547

SSW

TW 37

Strassenbahn TW KSW

1948

19538

SSW

TW 38

  Für die Strassenbahnwagen wurden nur die Fahrgestelle gefertigt.

SEAG fertigte nur ausnahmsweise Teile für Lokomotiven und Triebwagen. Die Firma spezialisierte sich auf den Bau von Güterwagen aller Art. Mitte der 50er Jahre experimentierte SEAG mit verschiedenartigen Hubkippern.

Am 1. Juli 1971 entstand durch Zusammenschluß der SEAG in Dreis-Tiefenbach und der "Deutschen Waggon- & Maschinenfabrik GmbH (DWM)“ in Berlin die "Waggon-Union". In schneller Folge änderten sich nun die Besitzverhältnise: Ab 1984 gehörte das Werk zur Thyssen Industrie AG. Seit 1990 mit dem Zusammenschluß mit der Asea-Brown-Boveri Gruppe (ABB) war der Firmenname ABB-Henschel. Im Jahre 1996 fusionierten ABB und AEG-Daimler-Benz AG zu "Adtranz". Bis 1997 wurden in Dreis-Tiefenbach noch Güterwaggons produziert.

Bereits 2001 übernahm der kanadische Konzern "Bombardier Transportation" die Adtranz und damit auch das Werk in Dreis-Tiefenbach. Dort hat Bombardier hat inzwischen seine gesamte Drehgestell-Fertigung konzentriert. Mit dieser speziellen Expertise scheint das Werk für die Zukunft bestens gerüstet.

HINWEISE

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