Das Siegerland

 

Land und Leute

 

Das Siegerland bildet den südöstlichen Zipfel des heutigen Bundeslan-des  Nordrhein-Westfalen. Es ist ein landschaftlich beeindruckendes Mittelgebirgsland von allerdings rauen klimatischen Bedingungen. Zwei Drittel seiner Fläche sind von Wald bedeckt. Die Flüsse Sieg, Eder und Lahn entspringen wenige Kilometer entfernt voneinander auf den öst-lichen Höhen des Siegerlandes. Von dort nehmen sie sehr unterschied-lichen Verlauf: Die Eder fließt nach Osten, um schließlich in die Fulda in Hessen zu münden. Die beiden anderen Flüsse münden in den Rhein. Die Lahn nimmt dabei ebenfalls zunächt die östliche Richtung fast parallel zur Eder durch Wittgenstein und Nordhessen, biegt dann aber über Giessen und Wetzlar in westliche Richtung ab. Die Sieg verläuft ohne Umwege direkt nach Westen durch das Siegerland gen Rhein. Das Siegerland unterscheidet sich landschaftlich nur wenig von den benach-barten Regionen, dem Sauerland, dem Wittgensteiner Land, dem nord-hessischen Dillkreis und dem Westerwald, ist aber einzigartig durch Ge-birgsrücken bis zu 650 Metern Höhe rundum von diesen abgetrennt. Die Geländeformation bildet gleichsam einen Gebirgskessel. Zum kölnisch beherrschten Sauerland hin war das nassauisch orientierte Siegerland in früheren Zeiten sogar durch einen Grenzwall, einer sogenannten Land-hecke, aus dichtem Gebüsch zusätzlich geschützt. Die Haupthecke des sogenannten „kölschen Heck“ hatte eine Länge von mehr als 100 Kilo-metern. Nur an bestimmten Übergangsstellen, den Schlagbäumen (Schlägen) ließ ein Posten, der Bäumer, Waren und Personen passieren (1).

 

Über diesen grünen Kranz bewaldeter Höhen hinweg waren das Reisen und der Austausch von Gütern seit jeher beschwerlich. Der Siegerländer blieb daher in der Regel lieber im Lande. Überliefert ist der Ausspruch eines Vaters, der nach seinem Sohn befragt, stolz sagte: Os Richard reist in der ganze Welt rem, bis roff noa Alehonnem. (2) Nun muß man wissen, daß die Ortschaft Altenhundem weniger als 20 Kilometer nördlich des Siegerlandes liegt. Die Abgeschiedenheit und die Bodenständigkeit bewirkte zwangsläufig Eigentümlichkeiten bei den Bewohnern. Sprachlich drückt sich das im rauen Siegerländer Platt aus, einer mittelfränkischen Mundart. Die Mittelfranken saßen entlang des Rheins von St. Goar bis Düsseldorf und auch die Siegerländer Bevölkerung gehörte als die nordöstlichste Region dazu. Allerdings unterscheidet sich deren Sprache nicht nur von den Sprachen der Sauerländer im Norden und der Hessen im Osten und Süden, sondern auch von den anderen Mundarten der Mittelfranken westlich des Siegerlandes. Das rollende „R“ ist das eigentliche Merkmal des Siegerländer Platt, wiewohl der Bewohner „dr Schtadt“ (Stadt Siegen) das „R“ gar nicht ausspricht, sondern gleichsam verschluckt.

 

Der Charakter der Bewohner des Siegerlandes wurde 1820 so beschrieben: „Feinheit der Sitten, oft mit Falschheit verknüpft, findet man hier selten. Im Gegenteil gesellt sich hier zur Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit eine laconische Sprache, und eine gewisse Ungeschliffenheit. Man könnte eher sagen, der Siegerländer sey grob aber ehrlich, als sey er fein aber falsch“ (3). Den Siegerländern eine lakonische Sprache zu attestieren, ist, näher betrachtet, eine gewaltige Untertreibung, eher trifft die Bezeichnung Mundfaulheit zu. Ein Mann, der vor seinem Haus Steine und Zement liegen hatte, wurde von einem Bekannten gefragt: „Wad wellde da baue?“ Der antwortete: „Em!“ Man war nicht nur mit Worten sehr sparsam. Als Beispiel sei der überraschte Ausruf eines Jungen angeführt: „Mama, mir ha jo Babier om Abdrett, ha mer Besoch?“ (2). Man muß dem Siegerländer sehr zugute halten, daß er über solche Begebenheiten und damit über sich selbst herzlich lachen kann.

 

Friedrich Harkort (4) beschreibt den Siegerländer etwas ernsthafter: „Zu allen Jahreszeiten beschäftigt, fast ohne Adel und große Güter, hat hier der Bürgerfleiß einen sparsamen, thätigen, gottesfürchtigen Menschenschlag gebildet und mit seinem Segen beliehen.“

 

So war es und ist es zum Teil auch noch heute.

 

 

Erzbergbau und Eisenverarbeitung

Bronzestatue des Bergmanns "Henner"
Bronzestatue des Bergmanns "Henner"

Die Menschen in den deutschen Mittelgebirgen gruben schon seit Jahrhunderten nach Erzen, um Eisen herzustellen. Das Siegerland ist neben dem Harz ein herausragendes Beispiel für frühe Erzgewinnung und Verhüttung. Die Spuren von Schmelzöfen reichen im Siegerland bis um 500 vor Christi Geburt zurück, denn hier hatten Kelten in sogenannten Windöfen bereits Erz geschmolzen. Das Siegerland hat in der La-Tene-Zeit wahrscheinlich als einzige Landschaft weit und breit überregionale Bedeutung wegen der Eisengewinnung gehabt. Allein auf dem Gebiet der heuten Stadt Siegen finden sich an die 500 vorgeschichtliche Verhüttungsstellen. Die meisten davon sind durch Siedlungs- und Strassenbau zerstört, einige wenige erhalten. Archäologische Grabungen zur wissenschaftlichen Erforschung des Lebens der Kelten im Siegerland finden derzeit im Raum Gosenbach statt. Aus dem Ort Gosenbach, heute zur Stadt Siegen gehörig, stammt übrigens der weithin bekannte „Spatenforscher“ Otto Krasa, der als erster mit seinen Grabungen Überreste der keltischen Verhüttungsplätze entdeckte.

 

Bronzestatue des Hüttenmanns "Frieder"
Bronzestatue des Hüttenmanns "Frieder"

Von der vorgeschichtlichen, keltischen Besiedlung bis zum urkundlich überlieferten Leben im Siegerland liegt ein Jahrtausend ohne gesicherte Bodenfunde oder Schriften. Ende des 10. Jahrhunderts werden erstmals 8 Siegerländer Ortschaften schriftlich genannt. Ortsnamen wie Eisern und Eiserfeld weisen darauf hin, dass der Eisenbergbau hier von Beginn an dominant war. Eisern wird urkundlich am 1. Januar 1289 erstmals erwähnt, Eiserfeld am 1. Oktober 1292. Die Blei- und Silbergrube "Landscrone" bei Wilnsdorf, später auch "Zu unserer Frauen am Ratzenscheidt", ist der älteste durch Urkunde belegte Bergbau. Der Nachweis stammt aus einer nassauischen Lehensurkunde vom 26.02.1298. Das Siegerland war Teil des großen Fränkischen Reiches, jedoch als Grenzland zu Sachsen fern ab von der Kulturentwicklung des frühen Mittelalters. Allein die reichen Vorkommen von Spateisenstein ungewöhnlich guter Qualität ermöglichten den Menschen im Siegerland ein auskömmliches Leben. Typisch für das Siegerland wurden der Bergbau und die Erzverarbeitung an Ort und Stelle. So entstanden neben den Bergwerken zahlreiche Hütten und Hammerwerke sowie Eisen- und Stahlverarbeitende Industriebetriebe. Friedrich Harkort (4) bemerkte 1833:  „Unter den Gebirgsgegenden, welche der Sitz unserer Eisenproductionen sind, behauptet das Ländchen Siegen den ersten Rang.“ 

Und zur Bedeutung des Bergbaus für das Siegerland führt F. M. Simmersbach 1881 (5) recht poetisch aus: „Das Fürstenthum Siegen hat seinen ganzen Wohlstand und Glück dem Bergbau zu verdanken; ohne ihn würde nicht der dritte Theil der jetzigen Einwohner darin leben können; durch den Berg- und Hüttenbetrieb hingegen ist das Land bevölkert, Flecken und Dörfer erbaut, und so wüste Gegenden in grüne Auen und lachende Fluren umgeschaffen worden, die sonst der Thau des Himmels den Menschen nie zum Nutzen hatte befeuchten können.“

 

Zum Zeichen der Wertschätzung von Bergbau und Eisenverarbeitung im Siegerland stehen die 1902 von Professor Friedrich Reusch geschaffenen, überlebensgroße Statuen von Bergmann und Hüttenmann, im Volksmund Henner und Frieder genannt, auf der Siegbrücke in Siegen.

 

„Es grüne die Tanne.

Es wachse das Erz,

Gott schenke uns allen

Ein fröhliches Herz.“

Glück auf!

(Harzer Bergmannsgruß)

 

 

Haubergswirtschaft

Holzkohlenmeiler bei Walpersdorf 1981
Holzkohlenmeiler bei Walpersdorf 1981

Die Beschaffung des nötigen Brennstoffes für die Erz-Verhüttung im Siegerland war immer schon extrem aufwändig. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ausschließlich Holzkohle verwendet und in der Region hergestellt. Denn mittels Holzkohle konnten Temperaturen erzielt werden, die zur Verflüssigung des Eisens aus dem Gestein erforderlich sind. Im Jahre 1817 gab es im Siegerland 571 Köhler. Kohlenmeiler wurden aber auch in den angrenzenden Regionen betrieben, vor allem in der Grafschaft Wittgenstein-Hohenstein. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden jährlich 2000 Wagen Holzkohle ins Siegerland geliefert, zuvor sogar bis zu 3000 Wagen auf den beschwerlichen Weg über die Berleburger Kohlenstrasse von Erndtebrück über Netphen nach Siegen geschickt. In einem Bericht von 1804 zur Lage der dortigen Forsten heißt es: „Dieser an das Fürstentum Siegen angrenzende Teil ist ziemlich von Holz entblößt und man sieht nichts von neuen Anpflanzungen“ (6). Auch in den nördlichen Nachbargebieten wurden die Bäume schneller abgeholzt als Neue nachwachsen konnten. Bei der Verwendung von Hochwaldholz stieß man also auf natürliche Grenzen. Deshalb gab es seit dem 16. Jahrhundert akuten Brennstoffmangel und damit zwangsläufig Einschränkungen in der Betriebszeit der Eisenhütten und Eisenhämmer im Siegerland. Zum einem großen Teil aber stammte die Holzkohle aus den dem Siegerland eigentümlichen Haubergen.  

Der Hauberg war ein hauptsächlich aus Eichen und Birken bestehender Niederwald. Durchschnittlich alle achtzehn Jahre konnte das Holz geschlagen werden. Nach dem Holzschlag, dem sogenannten Abtrieb, wurde der Boden landwirtschaftlich genutzt, um Roggen oder Buchweizen zu ziehen. Vor der Einsaat wurde der Bodenbewuchs verbrannt. Nach der Ernte des Getreides wurde erneut aufgeforstet. Neun Jahre lang wurden die heranwachsenden Eichen und Buchen geschont, bevor in den letzten 9 Jahren Rinder und Schafe zur Waldweide in den Hauberg getrieben wurden. Neben der Verwendung als Brennstoff wurden die Eichen des Haubergs auch geschält, um so Lohe für das Gerben von Tierhäuten zu gewinnen, denn die Eichenrinde enthält Gerbstoffe. Die Lohe wurde so geschält, daß die Eichen danach noch ausschlagen und überlebensfähige Triebe bilden können. Der Hauberg war in der Regel gemeinschaftliches Eigentum der Bewohner einer Ortschaft. Sie bildeten eine Haubergsgenossenschaft mit einem Vorstand und einem Vorsitzenden, dem Haubergsvorsteher, und bewirtschafteten den Hauberg gemeinschaftlich.

Eine historische Beschreibung der Haubergswirtschaft aus dem Jahre 1775 des Gelehrten und Goethe-Freundes Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling, der 1740 in Grund bei Hilchenbach geboren wurde, soll hier zitiert werden (7):

"Sobald nun das Wetter erträglich und die Erde bloß ist, welches gemeiniglich im April geschiehet, so fangen sie an zu räumen. Dieses geschieht folgendergestalt: Sie haben schwere Messer mit hölzernen Stielen, welches sie eine Heppe nennen, an welcher vorne ein Schnabel quer vorstehet, welcher das Instrument schützt, damit sie nicht leicht damit in Erde und Steine hauen mögen, es hat übrigens viele Ähnlichkeit mit dem Messer, welches die Böttger gemeiniglich im Schurzfell stecken haben. Mit diesem Werkzeuge gehet ein jeder in den Hagen, suchet seinen Jahn auf (so nennen sie die abgeteilten Stücke des Gebüsches), und alsdann hauen sie alles Gehölze, welches nicht über einen Daumen dick ist, nebst den Ästen der größeren Bäume, soweit sie dieselben erreichen können, rein und kahl aus. Dieses Gebüsch binden sie in Bündlein oder Schanzen zusammen, legen sie in Scheuern oder Schoppen, und lassen es austrocknen; und dieses gibt ihnen ihren jährlichen Vorrat des Brennholzes ab, womit sie Küchen und Öfen versorgen. Im Mai geben sie sich ans Niederhauen: ein jeder hauet nämlich alles dicke Holz rein ab; die noch übrigen Äste schneiden sie sich auch aus und streuen sie auf die Jähne, die Stämme aber legen sie auf Haufen, und brennen im Herbste Kohlen daraus. Im Junius hacken sie, ein jeder auf seinen Jähnen, die Rasen rein ab, so, daß der ganze Hagen zu Ende dieses Monats ganz kahl abgeschälet ist. Im Julius, zwischen der Heuernte, kehren sie mit eisernen Krapen alle Rasen um, damit sie auf beiden Seiten trocknen können. Im August legen sie das ausgedorrte Reisig auf kleine Haufen, ziehen die Rasen auf diese Holzhaufen, so, daß alle Rasen von der Erde auf das Holz gesammelt werden; sie kehren aber immer vorn die Mündung jedes Rasenhaufens gegen den Wind, so, daß das Holz oder Reisig von vornen  bloßstehe. Nun zünden sie alle Rasenhaufen an, und der ganze Hagen rauchet wie eine Feuersbrunst, alle Rasen brennen sodann zu lauter Asche. Diese Asche wird im September mit eisernen Schaufeln zerworfen, das ist: sie wird überall gleich dick gestreut; hernach besäet ein jeder seine Jähne mit Roggen, welcher jahraus, jahrein in diesen Bergen wohlgedeiht, nur, daß das Stroh niemals die Stärke des Feldstrohes erreicht. Diese Saat wird alsbald, wann das Korn gesähet ist, mit großen eisernen Hacken, die die Form eines solchen T haben, und von Ochsen gezogen werden, eingehackt, damit es von Erde und Asche dünn bedeckt werde. Wenn nun das folgende Jahr das Korn eingeerntet worden; so bleibt der Hagen sechzehn Jahre ruhig liegen. Der Boden ist nun durch die Asche gedüngt, die Wurzeln schlagen mit den fettesten Holzsprossen aus, und das Gebüsch wird innerhalb sechs bis sieben Jahren wiederum so dicht, daß man kaum dadurch gehen kann, und nach sechzehen Jahren haben die Stämme durchgehenst die Dicke eines Arms oder Mannsschenkels. Da aber auch Gras und Kräuter reichlich auf dem Boden wachsen; so wird ein solcher Hagen nur drei bis vier Jahre befreit, hernach aber weidet man das Vieh ungehindert und ohne Schaden darin. Die Einwohner haben also jährlich einen solchen Hagen zu benutzen, ziehen sich Holz und Brotfrucht, ohne jemals Abgang zu befürchten."

So produzierte der Hauberg Brennstoff für die Erzverhüttung und die Heizung der Häuser ausserdem Lohe für die Gerberei sowie Nahrung für Mensch und Nutztier. Die Schilderung der Haubergswirtschaft verdeutlicht, dass die Menschen im Siegerland dem kargen Boden abgerungen haben, was er eben hergeben konnte. Man war nicht aus Geiz sparsam, sondern aus bitterer Not heraus.

Die Grundlage für eine erhebliche Zunahme der Bevölkerung schuf übrigens im Siegerland – wie in anderen Regionen Europas auch – die Kartoffel, damals auch Erdbirne oder Erdapfel genannt. Sie wurde im 16. Jahrhundert aus Amerika nach Europa eingeführt. Ende des 18. Jahrhunderts gelangte die Kartoffel auch in das Siegerland. Die Frucht wurde zunächst als eine mehlige, fade schmeckende Speise empfunden, aber wurde dann doch zum Grundnahrungsmittel für alle Bevölkerungsschichten. Wie in vielen armen Gegenden wurde die Kartoffel in zahlreichen Variationen als Nahrung genutzt. Bis heute ist zum Beispiel das Kartoffelbrot, Reibekuchen oder auf Platt „Riewekooche“ genannt, eine Siegerländer Spezialität.

 

Lohgerberei

 

Mit dem Aufschwung des Bergbaus und der Eisenverarbeitung begann auch die gewerbliche Produktion von Leder und Fellen im Siegerland im 14. Jahrhundert. Benötigt wurden Schurzfelle für den Bergbau und Blasebälge bei der Verhüttung der Erze. Die Viehzucht, insbesondere die Rinderhaltung in den Haubergen, spielte im Siegerland eine nicht unerhebliche Rolle. Infolgedessen konnten zwar Häute von heimischem Vieh gegerbt werden; hauptsächlich aber wurden die Tierhäute importiert.

Angebotsliste aus dem Jahre 1868 einer Kölner Importfirma
Angebotsliste aus dem Jahre 1868 einer Kölner Importfirma

Die Lohgerberei mit dem Zentrum Siegen, dann aber auch Hilchen- bach und Freudenberg, erlangte schon bald überregionale Bedeu- tung. Ab dem 29. Juli 1815 gehörte das Siegerland zu Preussen, womit der gesamte preussische Binnenmarkt offenstand. Die geschäftliche Situation wurde nochmals verbessert, als sich 1834 viele Länder des Deutschen Bundes zum Deutschen Zollverein zusammenschlossen. Die Blütezeit dieses Wirtschaftszweiges dauerte etwa von 1830 bis 1890, wobei sich die Zahl der verarbeiteten Häute in dieser Zeit auf 156.000 verzehn-fachte. Die heimischen Lohgerber stellten ein nahezu unverwüstliches Leder für die Sohlen von Stiefeln her. Das wusste das preußische Militär sehr zu schätzen. Die ehemals große Bedeutung der Lohgerberei wird noch heute in einigen Strassenbezeichnung der Stadt Siegen deutlich, neben dem Lohgraben und der Häutebach gibt es das Löhrtor, ehemals Wetzlarer Tor, und die Löhrstrasse, wo früher die Lohgerber ansässig waren.

 

Wie schon am Beispiel der Haubergswirtschaft gezeigt, versuchte der Siegerländer möglichst alles wirtschaftlich zu nutzen. So auch bei der Tierverwertung: Aus Fleischresten an der inneren Hautseite wurde der wertvolle Haut-Leim gewonnen. Die erste Leimsiederei entstand 1790 in Hilchenbach. Im Jahre 1880 wurden 21 Betriebe gezählt, die vor allem in Siegen, Hilchenbach und Freudenberg angesiedelt waren. Die Aussen-seite oder Haarseite der Häute lieferte Material zur Herstellung von Filz. In Stift-Keppel und in Freudenberg waren vier Filzfabriken tätig. So schaffte die Lohgerberei weitere, wenn auch bescheidene Wirtschafts-zweige im Siegerland.

 

 

Transportwege

 

Das Siegerland liegt abseits der großen Flüsse und Verkehrswege buchstäblich hinter Wäldern und Bergen. Trotz der ungünstigen topographischen Lage war es zu jeder Zeit notwendig, Waren zu ein- und auszuführen. Bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden überwiegend Höhenwege benutzt. Erst nachdem Sümpfe und Flußwiesen trockengelegt worden waren, verlagerte sich der Verkehr in die Flußtäler. Im 18. Jahrhundert wurden dann sogenannte "Kunststraßen" gebaut. Sie besitzen als Befestigung eine künstlich gewölbte Steindecke mit Randsteinen und Gräben beiderseits. Das bewirkt einen trockenen Fahrweg übers ganze Jahr. Die Wagen bleiben nicht mehr wie bisher in Schlamm und Matsch stecken. Ausserdem sollte so das Einfahren von Gleisen verhindert oder zumindest erschwert werden. Als eine der ersten großen deutschen Kunststraßen wurde um 1780 die Chaussee von Hagen über Breckerfeld, Meinerzhagen, Olpe nach Siegen und weiter über Dillenburg nach Frankfurt am Main fertiggestellt. Das Siegerländer Teilstück verlief vom „Krombacher Schlag“ der Landhecke im Norden über Kreuztal und Siegen bis zur Kalteiche bei Wilnsdorf am „Schlag am Wege nach Haiger“ im Süden. Im beginnenden 19. Jahrhundert gab es in der Tat - was gerne übersehen wird – bereits ein regelrechtes Netz von befestigten Kunststrassen mit regionaler und überregionaler Bedeutung. Die Zunahme von Chausseen in Preussen zwischen 1816 und 1852 war enorm: Gab es 1816 Strassen von einer Länge von 3836 km, so waren es im Jahre 1852 bereits 16689 km (8).

Die Wege waren nun gegenüber den eher natürlichen Hohlwegen erheblich besser geworden und leichter zu befahren, allein die Antriebskraft für Kutschen und Karren war noch immer die gleiche wie in den Jahrtausenden zuvor. Im Jahre 1844 gab es im Siegerland 88 Fuhrleute mit mehr als 130 Pferden. Diese führten auch Transporte im Fernverkehr durch. Ausfuhr: Roheisen, Eisenwaren und Leder; Einfuhr: Holzkohle, Tierfelle, Kolonialwaren u.a.m..

 

Jahrhunderte lang blieb die bescheidene wirtschaftliche Blüte im Siegerland ungestört. Mit Aufkommen der kapitalistischen Volkswirtschaftlehre sah auch der preußische Staat, zu welchem ab 1815 auch das Siegerland gehörte, es als seine primäre Aufgabe an, das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte und privates Unternehmertum zu fördern und zu schützen. Das führte zwangsläufig zu einer Revolution des Produktionswesens durch technischen Fortschritt und Änderungen in der Betriebsorganisation, in deren Folge die Industriereviere beispielsweise an Rhein und Ruhr enorm aufblühten. Das Siegerland verharrte jedoch trotz politischer Bemühungen um Änderung weiterhin in den überkommenen Techniken der Eisenförderung- und Bearbeitung in relativ kleinen Betrieben und in Organisationsstrukturen mit starkem Einfluß der genossenschaftlichen Gewerken. Zudem waren die Schächte der Gruben bereits so tief niedergebracht, so dass mit den herkömmlichen Methoden das Grundwasser nicht mehr abgepumpt werden konnte. Das alles erschwerte und verteuerte die Erzförderung derart, dass Erz aus Belgien oder England nun preiswerter angeboten werden konnte. So kam es ab 1840 zu Erzimporten in das Siegerland. Die Vorrangstellung des Siegerländer Eisens konnte nur auf Grund der sehr guten Qualität des Produkts einigermaßen gehalten werden. Allerdings verschlechterte sich die Situation dadurch, dass aus ökonomischen Gründen primär das Erz zur Kohle transportiert wurde anstatt umgekehrt die Kohle z. B. ins Siegerland zum Erz. Diese Entwicklung wurde stark befördert durch die Tatsache, dass die Industriebarone des Ruhrgebiets viele Erzgruben im Siegerland aufkauften. So hatte das Ruhrgebiet den Vorteil im Konkurrenzkampf auf seiner Seite. Die Siegerländer Wirtschaft musste den Kampf annehmen und die Produktionskosten durch Rationalisierungen senken. Dabei standen neben neuzeitlicher Technik und effektiveren Organisationsformen vor allem die Transportkosten für die Kohleeinfuhr und für die Ausfuhr von Erz- und Erzerzeugnissen im Vordergrund. Ohne solche Maßnahmen stand das Siegerland unweigerlich vor dem wirtschaftlichen Aus.

 

 

Literatur:

  1. Gustav Siebel: Die Nassau-Siegener Landhecken, Siegerländer Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Heft 12, Siegerländer Heimatverein, 1963.
  2. Lothar Irle: Heiteres im Siegerland, Verlag Vorländer, Siegen, 1960.
  3. Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Verlag Vorländer, Siegen, 1820.
  4. Friedrich Harkort: Die Eisenbahn von Minden nach Köln, Verlag Brune, Hagen, 1833.
  5. F. M. Simmersbach: Geschichte des Siegerländer Bergbaues. Glasers Annalen für Gewerbe & Bauwesen. Band. VIII, Heft 2 u. 4, 1881.
  6. Friedrich Philippi (Hrsg): Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte des Siegerlandes. Mit Unterstützung des Kreises Siegen. Coppenrath Münster/Westf. 1909.
  7. Johann Heinrich Jung (genannt Jung Stilling): Staatswithschaftliche Anmerkungen bei Gelegenheit der Holznützung des Siegerlandes. In: Bemerkungen der Kuhrpfälzischen physikalisch=ökönomischen Gesellschaft vom Jahre 1775. Lautern, im Verlage der Gesellschaft, Seiten 126-179, 1779. 
  8. Rainer Fremdling: Eisenbahnen und deutsches Wirtschaftswachstum 1840 – 1879, Untersuchungen zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte, Band 2, Gesellschaft für westfälische Wirtschaftsgeschichte e.V., Dortmund, 1985.

 

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